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Rotkopfs Haar

(Frei aus dem englischen „Anthropological Papers of the American Museum of natural History VOL. XXV, Part I: Myths and Tradtions of the Crow Indians“ von Robert H. Lowie (1918), „Red-Hair’s Hair“, Seite 141ff. und den „Mythologica III: Der Ursprung der Tischsitten“ von Claude Lévi-Strauss (1972), Seite 392 ff.)

Ein junger Crow Indianer wollte ein junges Mädchen heiraten, doch diese wollte erst einwilligen, wenn er ihr Rotkopfs Haar brachte. Also ging der junge Mann zu einem anderen Indianer und fragte ihn nach dem Weg zu Rotkopf. Dieser wollte ihn abhalten, weil Rotkopf sehr gefährlich war, doch der junge Indianer war fest entschlossen. Der Indianer zeigte ihm den Weg und erzählte das er an einem Tipi vorbeikommen wird. Dem Mann, der dieses Tipi bewohnte, sollte er ein Schaf erlegen, so wird dieser ihm weiterhelfen. Der junge Indianer dankte ihm, griff sich einhundert Pfeile und machte sich auf den Weg.

Nach einer Weile kam er an das Tipi, erlegte ein Schaf und gab es dem Mann, der das Zelt bewohnte. Dieser freute sich darüber und fragte den jungen Indianer nach dem Grund warum er ihm das Schaf brachte. Und dieser erzählte ihm von seiner Braut und seiner Aufgabe und fragte den Mann ob er ihm helfen könnte. „Das sind sehr starke Menschen,“ sprach der Mann, „ich glaube kaum, dass du da was ausrichten kannst. Gehe zum Bach, da findest du ein weißes Tipi wo du um Rat fragen kannst. Doch bevor du dich dort auf den Weg dorthin machst, töte einen Rothirsch und nimm ihn mit.“ Der junge Crow dankte dem Mann und machte sich auf den Weg. Unterwegs tötete er einen Rothirsch und erreichte bald den Bach mit dem weißen Tipi. Vor dessen Eingang legte er das Wild ab und heraus trat ein alter Mann. Erstaunt über das erlegte Tier sprach er: „Noch nie hat das jemand für mich getan, wo willst du hin?“ „Ich will zu Rotkopf, denn das Mädchen, was ich heiraten will, nimmt mich erst zum Mann, wenn ich ihr Rotkopfs Haar bringe.“ antwortete der junge Indianer. Der Alte schüttelte nachdenklich den Kopf und auch er sprach die Warnung aus über die Stärke von Rotkopf und seines Gleichen. „Wenn du etwas weiter gehst kommst du an einen Fluss an dem ebenfalls ein weißes Tipi steht, in dem ein junges Mädchen wohnt. Jage ein Reh und lege es vor den Eingang ihres Zeltes, sie wird dir dann weiter helfen. Wenn du das letzte Tipi erreicht hast werde ich dorthin kommen und dir helfen.“ Der junge Indianer verabschiedete sich und machte sich wieder auf den Weg. Wie der Alte ihm geraten hatte erlegte er ein Reh und legte es vor den Eingang des weißen Tipi am Fluss. Ein junges Mädchen trat heraus und war verwundert über das erlegte Tier. Auch ihr erzählte der junge Indianer von seiner zukünftigen Braut und seiner Aufgabe. „Rotkopf ist ein starker Mann,“ begann sie „doch keine Angst. Nicht weit von hier befindet sich ein kleines Rinnsal und da steht ein einsames Tipi. Jage eine weibliche Antilope und lege sie vor den Eingang, man wird dir dann einen Rat geben. Ich werde auch kommen und dir helfen.“ Dankend zog der junge Mann weiter. Er jagte eine weibliche Antilope und legte sie vor das einzelne Tipi. Eine Frau trat heraus und erfreute sich an dem erlegten Wild. Wieder antwortete er auf alle Fragen und erzählte seine Geschichte. „Rotkopf ist ein mächtiger Mann, verweile hier und ich werde dir helfen.“

Wie versprochen kamen das Mädchen und die beiden Männer und diskutierten gemeinsam wie man dem jungen Indianer helfen könne. Einer der Männer sagte: „Viele von uns Erdmenschen sind wollüstig, das müssen wir uns zu Nutze machen, um unser Ziel zu erreichen.“ Die anderen stimmten ihm zu. Die beiden Frauen, die in Wirklichkeit eine Hirsch-Frau mit weißen Schwanz und eine Ameisen-Frau waren, wurden von den beiden Männern um Hilfe gebeten. Die Eine nahm die Spitzen von zwei Ameisenhügeln und formte daraus Brüste für den Männerkörper und die Andere gab ihm ihre Vulva. Dann riefen sie nach dem Vielfrass und fragten ihn, ob er den jungen Mann in ein Mädchen verwandeln könne. Der Vielfrass willigte ein und begann seinen Zauber. Schließlich forderte er noch einen der Männer auf, das junge Mädchen zu umarmen. Somit war die Verwandlung vollendet.

Die junge Indianerin bedankte sich und wollte sofort los eilen, doch ihre Helfer hielten sie zurück. „Nicht so schnell, du musst vorsichtig sein!“ ermahnten sie das Mädchen. „Rotkopf hat einen Kojoten und einen Kranich, die ihn immer bewachen. Wenn man sich den beiden nähert, beginnt der Kranich sofort zu hupen und der Kojote zu heulen, das ist das Signal. Außerdem bewachen ihn noch Hunde, alles gefährliche Wesen vor denen du auf der Hut sein solltest. Du hast nur eine Chance ungesehen an allen vorbei zu kommen: Am Nachmittag halten der Coyote und der Kranich ein kurzes Schläfchen. Wenn du also die Hügelkette erreichst, dann verwandele dich in eine Ameise und rennst so schnell wie du kannst. Wenn du die Hunde passiert hast dann verwandle dich zurück. In dem Tipi wirst du Rotkopf finden und er wird sich sofort in dich verlieben. Wenn er dich fragt was du von ihm willst, dann sage das du ihn heiraten möchtest. Hast du Rotkopfs Haar, komm schnell zu uns zurück.“ beendete die Ameisen-Frau. Die junge Indianerin verabschiedete sich und machte sich auf den Weg.

Auf der Hügelkette verwandelte sie sich mit der Gabe der Ameisen-Frau in eine Ameise und flitzte los. Wie die vier Helfer es gesagt hatten, schliefen der Kojote und der Kranich, und auch die Hunde bemerkten nicht die Ameise, die zwischen ihren Pfoten entlang huschte. Gerade als der Kranich erwachte, sah Rotkopf das zurückverwandelte Mädchen und fragte sich verwundert, wie sie es geschafft hatte an all seinen boshaften Wächtern vorbei zu kommen. „Warum bist du hier her gekommen?“ fragte er sie. „Ich bin gekommen um den Chef Rotkopf zu heiraten.“ Antwortete das Indianer Mädchen. Rotkopf war entzückt: „Du willst mich heiraten, dann setzt dich neben mich.“

Rotkopfs Brüder kamen zurück von der Jagd und wunderten sich über die Fremde. „Wer ist die Fremde?“ fragten sie. „Sie kam um mich zu heiraten und ich habe sie geheiratet.“ antwortete Rotkopf. Das genügte den Brüdern vorerst als Antwort und sie kochten das Essen. Eines Tages, als sie nach der Jagd das Essen an des Paar verteilten, sprachen sie zu Rotkopf: „Hier, gibt das deiner Frau mit dem Männerarm.“ Und als sie nach einer anderen Jagd, das Essen kochten und der jungen Indianerin gaben, sagten sie zu ihr: „Hier, Schwägerin mit dem Männerarm.“ Beschämt blickte das Mädchen auf ihren Arm, den noch eine Narbe zierte die bei der Verwandlung vergessen wurde. Da sprach sie zu ihrem Ehemann: „Deine Brüder sagen, das meine Arme Männerarme sind und beschimpfen mich. Ich hatte Kinder, und als ich um sie trauerte fügte ich mir diese Narbe zu.“ So ging Rotkopf zu seinen Brüdern und verbat ihnen seine Frau weiter zu beschimpfen, da sie um ihre Verwandten trauerte. Einer der Brüder entgegnete ihm: „Ist dein Weib eine Frau? Hast du eheliche Beziehungen mit ihr?“ „Ziemlich oft!“ sprach Rotkopf. „Das mag wohl sein, aber sie hat den Atem eines Mannes. Um es zu prüfen, lass sie raus gehen und du wirst sehen, dass sie wie ein Mann läuft.“ Ihr Ehemann wurde sauer: „Sie ist eine Frau, seht ihr nicht ihre Brüste? Und ich hatte jede Menge eheliche Beziehungen mit ihr.“ „Wir werden es früher oder später heraus finden ob sie ein Mann ist.“ antworteten ihm seine Brüder trotzig.

Der zu einem Mädchen verwandelte junge Indianer blieb eine ganze Weile bei Rotkopf. Eines Tages lauste sie ihn und sein Kopf lag in ihrem Schoß. Sie suchte die weiche Stelle an seinem Hinterkopf. Rotkopf war eingeschlafen. Sie fühlte die weiche Stelle, nahm ein Messer und stach hinein. Er schrie nicht auf sondern zuckte nur einmal kurz und starb. Sie schnitt sein Haar so gut sie konnte. Als sie heraus trat, nahmen die Hunde keine Notiz von ihr. Doch der Kranich schaute gerade durch das Rauchloch und sah das sein Herr skalpiert war und begann zu hupen. Der zurückverwandelte Indianer nutzte nun die Gabe der Hirsch-Frau und begann flink wie ein Reh zu rennen.

Rotkopfs Brüder waren gerade beim Schlachten, als sie das Signal des Kranich und des Kojoten hörten. „Wie wir gesagt hatten, der Bursche der ihn geheiratet hat muss dort am Boden sein.“ Sie rannten nach Hause, doch sie sahen nur ihren Bruder skalpiert am Boden liegen. Sie folgten den flüchtigen Spuren.

Hastig kehrte der junge Indianer zu dem Tipi des Ameisen-Mädchen zurück, doch das Zelt war verschwunden. Stattdessen befand sich auf der Lichtung ein kleiner Ameisenhügel und darunter befand sich ein Loch. Er stieg hinein und kam wieder neben dem zweiten Tipi heraus.

Die Verfolger sahen die Ameisen und dachten das sie zu harmlos sind um sie auszutricksen. „Habt ihr jemanden vorbeikommen gesehen?“ fragten die Brüder. „Ja, ein Reh mit weißem Schwanz!“ Sie kamen zur Hirsch-Frau mit dem weißen Schwanz. „Hast du jemanden vorbeikommen gesehen?“ fragten sie wieder. „Ja, ein Reh mit weißem Schwanz!“ Rotkopfs Brüder kamen an das Tipi des alten Manns und er antwortete ihnen: „Ein Adler flog hier vorbei, er schien in großer Eile zu sein. Sie gingen zum vierten Ratgeber und er sagte: „Ich sah einen weißen Falken so schnell wie möglich fliegen, er sah aus als wenn er vor irgend etwas flüchten würde.“ „Wie lang ist das her?“ fragte einer der Brüder. „Schon eine ganze Weile. Er war so schnell, ich glaube nicht das ihr ihn fangen werdet.“ Mürrisch und hilflos zogen die Brüder wieder davon. Eine Schwalbe verfolgte sie und als sie wieder zu Hause waren flog sie zurück und sagte bescheid. Der junge Indianer kam aus dem letzten Tipi und hielt Rotkopfs Haar in der Hand. So schritt er wieder nach Haus und gab das Haar seiner Braut, die ihn noch am gleichen Tag heiratete.

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