Faktencheck

Faktencheck: Mythen über Transsexualität

Wenn ich Menschen zum ersten Mal begegne, dann fällt mir auf, dass viele mit Transsexualität ganz falsche Dinge in Verbindung bringen und ganz erstaunt darüber sind, wenn ich ihr vorherrschendes Bild etwas auf den Kopf stelle. In all den Jahren (immerhin bin ich seit 2000 dabei und mit meiner Webseite seit 2002) habe ich viele Menschen getroffen, habe viele Schicksale miterlebt, viele Leben begleitet. Von daher wäre es falsch zu sagen, nur wer so und so ist, ist wirklich transsexuell. Das Leben ist vielseitig, ebenso auch diese kleine Randgruppe. Auch wenn es sicherlich eine Menge schwarze Schafe gibt, die anscheinend den Weg nur beschreiten, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber für die gibt es ja den Oberbegriff Transgender, oder auch andere Schubladen.

Doch transsexuell zu sein bedeutet nicht eine Modererscheinung zu sein, aber zu diesem Thema hatte ich mich schon an anderer Stelle geäußert. Deshalb hier ein paar Punkte, die häufig falsch vermittelt werden:

Transsexualität nur eine Modererscheinung?

Nein. Auch wenn die Medien gerade mit diesem Thema vollgestopft sind. Wenn ich an meine Anfänge zurückdenke, dann war das ganze noch eine Sache, die kaum jemanden interessiert hatte (außer die Betroffenen) und eher als “Reißerthema” verkauft wurde. Und heute ist alles voll damit. Doch mit dem Thema wird noch immer so umgegangen, als wäre es etwas besonderes und somit immer weiter weg von der Normalität getragen. Die Menschen werden mit Trans* gerade überschwemmt, somit kommt bei ihnen das Gefühl auf, gerade einer Modeerscheinung gegenüberzustehen. Doch Trans*Menschen gab es schon immer: Vor hundert Jahren, vor tausend Jahren, seit Beginn der Menschheit. Und teilweise waren da sogar große Persönlichkeiten dabei. Nur gab es dafür noch keine Bezeichnung. Erst im letzten Jahrhundert haben sich die ersten Forscher Gedanken über Trans*Menschen gemacht. Zu Anfangszeiten noch als Transvestiten (heute greift hier eher die Bezeichnung Crossdresser oder Damenwäscheträger) und Jahre später kam Transsexualität als Unterscheidung dazu. Inzwischen wird auch immer wieder Transidentität genutzt. Zu viele Schubladen und es werden immer mehr. Etwas worauf ich keine Lust habe. Deshalb nutze ich immer nur Trans* als Bezeichnung und das schon seit zwölf Jahren. Und in all der Zeit musste ich nur selten überhaupt einen der Begriffe nutzen. Wie all das entstanden ist, werde ich noch einmal in einem gesonderten Text unter der Rubrik Wissen erklären.

Transsexualität eine Entscheidung?

Nein. Ein Satz, den ich immer wieder zu hören bekomme, ist, du hast doch entschieden eine Frau zu sein. Und das stimmt nicht. Man kann ebenso wenig entscheiden homosexuell zu sein, wie eben auch transsexuell. Die Betroffenen merken oft schon in der Kindheit, dass etwas nicht mit ihnen stimmt. Das sie anders sind. Manche können es zu diesem Zeitpunkt bereits in Worte fassen, andere brauchen einige Jahre um sich im Klaren zu sein. Gerade unsere Gesellschaft lebt uns immer noch vor, dass es nur Mann und Frau gibt (auch wenn sich da inzwischen schon vieles geändert hat) und wir als solche auch geboren sind. Es wäre falsch etwas anderes zu empfinden. Doch Trans*Menschen haben dieses Empfinden: Dass das gefühlte Geschlecht nicht mit dem körperlichen übereinstimmt. Keiner von diesen Menschen ist eines morgens aufgewacht und hatte die Idee plötzlich im gegensätzlichen Geschlecht zu leben. Es war schon immer in ihnen drin und sie können es auch nicht “abschalten”. Vielleicht für eine Weile unterdrücken, doch es wird sich irgendwann an die Oberfläche kämpfen. Die einzige Entscheidung, die diese Menschen treffen können, ist, dem allem nachzugeben, ihr Innerstes befreien und die körperliche Hülle anzupassen. Gerade wegen diesem großen Leidensdruck sehe ich Äußerungen wie “Ich bin gerne ein Frau” etwas kritisch. Diese Aussage passt in meinen Augen eher zu Crossdressern.

Transsexualität eine Krankheit?

Jain. In den nächsten Jahren soll Transsexualität im ICD (Internationale Klassifikationssystem für Krankheiten) nicht mehr als psychische Krankheit geführt werden, sondern unter dem Punkt “Gender Incongruence“ (Geschlechtsinkongruenz). Somit soll Transsexualität nicht mehr zu den Störungen zählen, die bestehende Klassifizierung (nun unter dem Überbegriff “Sexueller Gesundheitszustand” geführt) bleibt aber weiterhin bestehen, damit Trans*Menschen auch künftig Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen haben. Anders als bei einer Krankheit, kann man Transsexualität nicht “heilen”. Es kann nur das “Leiden” gemindert werden, in dem man versucht den Körper der Betroffenen so gut wie möglich an ihr gefühltes Geschlecht anzupassen und somit den biologischen Entsprechungen nahe kommen. Aber die Medizin hat ihre Grenzen und kann nur die kosmetischen Änderungen vornehmen. Schon Lili Elbe, eine der ersten Transsexuellen, die sich im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts geschlechtsangleichenden Operationen unterzog, hatte den Wunsch Kinder zu bekommen. Ein Wunsch den Ärzte auch heute noch nicht erfüllen können. Wie aber Transsexualität entsteht, darüber können die Forscher bisher nur spekulieren, denn es gibt nur wenige, die sich damit befassen. Es gibt viele Ansätze, wodurch sich eine Transsexualität entwickeln kann, doch keiner ist 100% aussagekräftig. Vielleicht sieht die Forschung hier in ein paar Jahren anders aus.

Transsexualität eine unbedeutende Randerscheinung?

Nein. Wieviele Transsexuelle es wirklich gibt, darüber existieren keine gesicherten Zahlen. Die Schätzungen umfassen ein großen Spielraum, denn die Dunkelziffer ist ziemlich hoch. Doch dank dem Fortschritt des Internets, ist es heutzutage leichter an Informationen zu kommen und die Menschen werden aufgeklärter. Ende des letzten Jahrhunderts sah das noch anders aus und viele Betroffene dachten sie wären ein Einzelfall. Heute gibt es das Thema Trans* an jeder Ecke, egal ob in den Printmedien, Fernsehserien, Spielfilmen oder Dokumentationen. Selbst in den sozialen Netzwerken ist Trans* zahlreich vertreten. Doch wieviele gibt es nun? Studien kommen auf Prozentzahlen, die von 0,0015 % bis 0,6 % der Weltbevölkerung reichen. Für Deutschland würde der Mittelwert dieser Zahlen etwa 245.000 Trans*Menschen bedeuten. Da aber oftmals alle Spielarten von Trans* in diesen Statistiken mit eingeschlossen werden, gehen viele davon aus, dass die Zahlen für Deutschland eher bei 70.000 bis 150.000 Transsexuellen liegen. Und trotz der überschaubaren Zahlen, bin ich nicht der Meinung, dass Transsexualität nur als Randerscheinung abgestempelt werden sollte, denn inzwischen treffe ich so viele Menschen, die mir erzählen, dass sie in ihrem Bekanntenkreis oder Freundeskreis auch Betroffene kennen. Es ist inzwischen nicht mehr so, dass die Menschen noch nie von Trans* gehört haben. Und das war vor 20 Jahren noch ganz anders.

Durch die Hormontheraphie zur “perfekten” Frau?

Nein. Eine kleine Pille, die das ganze Leben verändert: Für transsexuelle Menschen ist es ein großer Schritt, wenn sie mit einer Hormontheraphie beginnen können. Doch auch hier gibt es viele Vorstellungen, die die Medikamente nicht erfüllen können. Wobei es Trans*Frauen schwerer haben, als Trans*Männer, bei denen durch die Pille die Pubertät einsetzt. Das heißt, sie bekommen Bartwuchs, eine tiefere Stimme und auch Muskelmasse wird schneller aufgebaut. Bei den weiblichen Betroffenen setzt zwar auch der Brustwachstum ein und die Fettpolster verteilen sich anders im Körper, aber die Dinge, die in der Pubertät ausgelöst wurden (wie Bartwuchs und Stimmbruch) können nicht rückgängig gemacht werden. Hier kann nur mit anderen Mittel nachgeholfen werden, wobei die Krankenkassen nicht immer alle Behandlungen übernehmen. Auch sonst sind die Hormone keine Wunderwaffe, denn jeder Körper reagiert anders darauf und durchmacht eine andere Entwicklung, eine Sache, die auch viel an den Genen liegt, die von Haus aus mitgebracht werden. Nur die wenigsten haben das Glück, dass sie auch ohne weitere Eingriffe ein passendes Aussehen erreichen.

Können Kinder über ihre Transsexualität entscheiden?

Ja. Gerade in Kommentaren über Themen zu Trans*Kindern liest man häufig von “Flausen, die die Eltern ihnen in den Kopf gesetzt haben” oder “dass die Kinder vor der Pubertät noch gar nicht richtig unterscheiden können”. Dass diese Kinder “falsch erzogen wurden”. Doch schon lange ist klar, das gerade Erziehung nichts damit zu tun hat. Gerade Kinder haben noch keine Ahnung von der Rollenverteilung, sie entscheiden von der Seele her, weil sie ganz klar wissen, was sich in dem Punkt falsch für sie anfühlt. Gerade weil sie von der Gesellschaft noch nicht geprägt sind, versuchen sie diese Empfindungen auch nicht zu unterdrücken. Das kommt erst viel später, wenn sie größer werden. Gerade wenn die Pubertät einsetzt werden viele Trans*Kinder unglücklich, wenn Dinge sich entwickeln, die eben nicht zu ihrem wahren Geschlecht passen. In diesem Alter ist die Selbstmordrate auch ziemlich hoch. Viele Kritiker vergessen auch immer, dass es eine psychologische Betreuung dafür gibt und die Eltern nicht einfach darüber entscheiden können. Denn Hormonblocker gibt es nur mit Zustimmung der behandelnten Ärzte. Die angleichenden Operationen erst mit der Volljährigkeit. Somit wird eben auch klargestellt, dass es sich nicht um Flausen handelt. Der Lebenslauf von Trans*Menschen beginnt oftmals schon in der Kindheit, diese “Flausen” begleiten sie ein Leben lang. Doch gerade Eltern oder das Umfeld haben es ihnen schwer gemacht, schon viel eher diesen Schritt zu gehen. Das ändert sich in der heutigen Zeit immer mehr, denn es ist einfacher sich darüber zu informieren. Vor etlichen Jahren war es etwas besonderes weltweit, als Kim Petras schon als junges Kind mit ihrer Hormonbehandlung beginnen konnte. Bis heute lebt sie als glückliches Mädchen.

Wollen alle Transsexuelle eine Geschlechtsangleichung?

Nein. Für die meisten transsexuellen Menschen ist klar, ihren Körper so weit anzugleichen, bis er dem gefühlten Geschlecht entspricht. Doch nicht alle denken so, aus den unterschiedlichsten Gründen: Alleine schon die Hormonbehandlung ist ein riesiger Eingriff in den Körper, der viele Risiken birgt. Die Geschlechtsangleichende Operation ist ebenso nicht ungefährlich. Ich kenne Erfahrungsberichte von Trans*Menschen wo alles ohne Komplikationen vonstatten gegangen ist, aber ich kenne auch viele die teilweise Monate lang zu Nachbehandlungen gehen musste und nur Schmerzen hatten. Somit kann ich jeden verstehen, der sich aus genannten Gründen dagegen entscheidet. Und mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2011 ist es in Deutschland auch nicht mehr nötig den ganzen Weg zu gehen, um vor dem deutschen Gesetz als Frau gelten zu können. Die Frage, ob nun Menschen, die nicht den Weg der Operationen gehen, keine Transsexuelle sind, möchte ich nicht beantworten. Niemand sollte über andere urteilen, nur weil sie anders empfinden, oder andere Entscheidungen treffen, somal diese Entscheidung auch ein ganzes Leben ruinieren kann.

Sind alle Transsexuelle “heterosexuell”?

Nein. Ein Großteil der Männer, die mir über die Netzwerke schreiben, sind oftmals erbost darüber, wenn ich ihnen sage, dass ich auf Frauen stehe. Ihre Antwort darauf: “Wenn du eine Frau sein willst, dann musst du auch mit Männern klarkommen.” Und das ist einfach falsch, somal die meisten Männer eh nur ihre sexuellen Fantasien ausleben wollen. Aber im Leben gibt es nun mal mehr als Heterosexualität: Homosexualität, Bisexualität, Pansexualität, Asexualität … Die Liste ist unendlich. Und so gibt es auch unter Trans*Menschen die unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen.

1 Kommentar

  1. Liebe Stella, ich freue mich auch jetzt wieder über Deine Gedanken zum Thema Trans*- bitte weiter machen und von möglichem Gegenwind nicht strecken lassen!
    Ganz liebe Grüße! Manu

Kommentar verfassen