Mein Leben

Die Frage nach dem Warum

Nach meinen letzten Zeitungsartikeln wurde ich öfters gefragt, warum ich mich erst jetzt entscheide meinen Weg zu gehen. Vor allem nachdem ich ja auch eine Tochter hab. Nun, dem Ganzen ging ein langer Prozess voraus, der mich seit meiner Kindheit begleitet.

stephan_1991Mit 11 Jahren (1991)

Gut, werden Einige jetzt sagen, aber wenn man transsexuell ist, so weiss man doch schon in der Kindheit das man anders ist. Ja, ich wusste schon in meiner Jugend, dass ich anders bin. Meine Ecke im Kinderzimmer, das ich zusammen mit meinen Brüdern teilte, war zugeplastert mit Postern von Blümchen und den Spice Girls. Inklusive Bettwäsche und einer Barbie von Geri. Meine anderen Heldinnen kamen aus den Disneyfilmen: Belle, Jasmin und Esmeralda. Schon damals begann ich mir die Kostüme nach zu machen um so wie sie zu sein. Selbst bei den Theaterstücken, die wir als Kinder bei uns im Haus für die Erwachsenen aufführten, übernahm ich gern die weiblichen Rollen. Für mich normal, aber zum Teil auch falsch. Ich wusste nicht was ich wollte und was mit mir los war. Aus Ermangelung an eigener Kleidung musste immer wieder der Kleiderschrank meiner Mutter herhalten. Was natürlich rauskam und zu langen Gesprächen mit meinen Eltern führte. Sie wollten wissen was mit mir los war, ich konnte es ihnen nicht erklären. Irgendwann schickten mich meine Eltern zum Psychologen. Da kam heraus das mit mir alles in Ordnung ist und sie mir die Möglichkeit geben sollten mich öfters als Mädchen zu kleiden. Warum das nie passiert ist, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich weiss nur das meine Eltern gehofft haben, das es sich irgendwann – vielleicht mit einer Freundin – geben würde.

Mit 18 kam dann die erste große Liebe und die Freundin. Doch an all dem Anderen hat sich nichts geändert. Zum Glück hatte ich einen großartigen Menschen gefunden, die mit mir eine Welt entdeckte in der ich mich endlich irgendwie wohl fühlte. Wir besuchten Selbsthilfegruppen, organsierten selber Treffen und informierten andere über Trans*. Ich fühlte mich endlich frei und hoffte es konnte so bleiben. Ich wusste sie würde mich verlassen, falls ich andere Schritte gehen würde. Und so versuchte ich die Zeit zugenießen, die ich als Mädchen leben konnte. Ich traf immer wieder auf andere Transsexuelle, die zu mir meinten ich wisse ganz genau was ich wöllte und es wäre nicht das was ich gerade bin. Und ich betonte immer wieder, das ich ich so wohl fühlte und nicht weitere Schritte brauchte. Aber Stück für Stück hatte uns das Arbeitsleben und meine Gelegenheiten wurden immer weniger. Zum Glück bekam ich die Chance im Travestie-Revue-Theater Carte Blanche zu arbeiten und mich somit auf eine andere Art auszuleben. Doch wie ich immer sage: Die Bühne ist für mich Arbeit, draußen ist mein wirkliches Leben. Und ich fühlte immer mehr, das ist nicht mein wahres Leben. Mein wahres ICH.

Ehrlichkeit

Vieles hab ich für mich behalten aus Angst Andere zu verlieren oder zu verletzen. Doch irgendwann kommt man an den Punkt an dem es nicht mehr weiter geht. Und man kommt ins Grübeln. Selbst die Geburt unserer gemeinsamen Tochter konnte daran nichts ändern. Zusammen mit meiner Freundin begann ich dann die ersten Schritte in eine neue Richtung. Ein Jahr später trennten wir uns um uns beiden die Möglichkeit zu geben eigene Wege zu gehen ohne auf einander Rücksicht mehr nehmen zu müssen. Trotz der schweren Anfangszeit fand ich jemanden, die ein offenes Ohr für mich hatte und bei der ich lernte mich endlich zu öffnen und über meine Gefühle zu sprechen. Und auch wieder Liebe zu empfinden. Auch wenn es mir von Anfang an klar war, das es niemals funktionieren würde. Aber gerade das gab mir Kraft endlich zu mir zu stehen und zu beginnen an mich zu denken.

Und nun bin ich hier, am Anfang einer langen Reise. Einer Reise die viele Tiefen aber auch Höhen haben wird. Und ich danke allen, die mich hierbei begleiten.

Was bin ich?

Nun kommt da bei Einigen die Frage auf, ob ich wirklich transsexuell sei. Ich entscheide mich so spät dafür und habe dazu noch ein Kind und stehe auf Frauen. Schlimm finde ich das gerade von denen wieder Schubladen geöffnet werden, die eigentlich dagegen sind. Schon damals wurde ich vom „Zentralrat der Transsexuellen in Deutschland“ (ZTD) terrorisiert im Internet oder am Telefon. Für sie war ich pervers, nur ein Junge in Mädchenkleidern. Ein Fetischist.
Für meine Gefühle hat sich niemand interessiert. Auch heute verletzt es mich, von den sogenannten echten Transsexuellen, müde belächelt zu werden. Leider wird hier zu oft von sich selbst auf andere geschlossen. Bin ich nicht wie du, bin ich anders. Aber wir sind alle unterschiedlich, vom Charakter, vom Aussehen, von den Erfahrungen her. Warum muss ich so wie andere sein? Die selben Schritte gehen? Ist es nicht so, das jeder selbst entscheiden soll wie weit sie/er geht? Wir kämpfen für Akzeptanz, aber können selbst nicht andere Lebensweisen akzeptieren. Das will ich nicht und unterstütze das auch nicht. Ich lasse mich von niemanden verbiegen und werde meinen Weg so gehen wie ich es für richtig halte. Egal ob ich für die anderen transsexuell bin oder irgendetwas anderes.

Was auch immer passiert. Am Ende bin ich einfach nur – ein Mensch!

1 Kommentar

  1. Bravo und danke Dir. Du bringst auch meine Gedanken und Empfindungen aus ähnlichen Erfahrungen heraus zum Ausdruck. Schubladendenken ist die Ignoranz gegenüber der Vielfalt des Menschseins. Oder um mit Kurt Tucholsky zu sprechen: Toleranz ist der Verdacht, daß der andere Recht hat.

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