Transsexualität

Aller Anfang ist schwer …

Warum die Figur Sunny aus der Lindenstrasse gar nicht so weit von der Realität entfernt ist

Seit Sunny ihre ersten Schritte in der Lindenstraße gemacht hatte, gab es immer wieder etliche Kommentare zu ihrem Auftreten und Aussehen. Viele wünschen sich die Figur viel perfekter und weiblicher, nur das in der Wirklichkeit Trans*Frauen nicht das große Glück haben, all das von Anfang an mitzubringen. Weshalb die Entwicklung von Sunny gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist, möchte ich euch gerne einmal mit verschiedenen Beispielen näher bringen.

Aller Anfang ist schwer

Ich erinnere mich noch gut an meine Anfänge zurück. Ich war gerade vom Bund zurück, als ich mich endlich ausleben konnte. Was aber nicht so einfach war, denn ich hatte keine große Schwester, auf deren Sachen ich zurückgreifen konnte, noch fehlte mir das nötige Geld, um mir eigene Dinge zu kaufen. Vom Bund waren auch noch die Haare kurz, so das ich auch auf Perücken zurückgreifen musste. So begann auch meine erste Phase mit den einfachsten Mitteln, die wenig gekostet haben, aber für mich eine Möglichkeit waren, hinauszugehen. Der Weg zum Secondhand-Laden war immer der erste, zwar nicht für topmodische Bekleidung, aber um erst einmal eine kleine Basis zu schaffen, für wenig Geld. Selbst meine erste Perücke stammt von da und war auch nicht mehr, als eine bessere Faschingsperücke. Auch wenn ich zu dieser Zeit weit entfernt von einem perfekten Aussehen und Styling war, so fühlte ich mich dennoch frei. Von meinen ersten Makeup will ich gar nicht erst sprechen …

Straßenbahn 07Drei Jahre später sah alles schon wieder ganz anders aus: Meine Haare waren inzwischen schulterlang, das Makeup war um Welten besser (ist gar nicht so einfach den Bartschatten abzudecken und erfordert viel Übung) und in meinem zweiten Kleiderschrank befanden sich inzwischen auch einige Sachen, die nicht nur aus zweiter Hand stammten, sondern genau wie meine Schuhe aus ganz normalen Geschäften. Somit konnte ich auch einen eigenen Stil entwickeln, der zu mir passte und meine weibliche Seite unterstützte. Denn sich nur weiblich zu kleiden macht noch keine sichtbare Frau aus einem. Und gerade sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, einen neuen Stil für sich zu finden und sich mit Themen zu beschäftigen, die man früher nur aus der Ferne betrachtet hat, benötigt viel Zeit. Je nachdem wie spät man mit seiner Reise begonnen hat, um so mehr muss man aufholen. Für viele ist es schon ein Abenteuer, sich das erste mal zu Schminken. Und nicht wenige sind schon nach den ersten Versuchen verzweifelt.

Was folgt ist eine lange Phase des austesten. Was passt zu mir? Welche Haare stehen mir? Tragen Frauen immer Röcke und hohe Schuhe? Fragen, über die man(n) sich vorher nie Gedanken gemacht hatte, die nun aber „überlebenswichtig“ sind. Ein Blick oben in das Titelbild meiner Webseite zeigt nur ein paar Phasen auf dem Weg zu meinem heutigen Aussehen. Es ist im Prinzip wie eine zweite Pubertät, in der man alles einmal austestet, bevor man sich schließlich gefunden hat. Auch wenn ich inzwischen schon lange als Frau lebe, so gibt es auch für mich immer wieder neue Dinge zu entdecken. Man lernt eben nie aus.

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Die wenigsten Mann-zu-Frau-Transsexuellen haben das Glück, nur wenig Muskeln und ein verhältnismäßig schmales Kreuz zu besitzen. Ich selbst muss mich auch dazu zählen. Obwohl durch die Hormone schon Muskeln abgebaut wurden, habe ich immer noch kräftige Oberarme und trage deswegen nur selten armfrei. Mein breites Kreuz wird sich gar nicht ändern, also muss ich auch hier bei der Bekleidung immer darauf achten, diesen Bereich etwas zu kaschieren. Mit vielen Dingen muss man lernen zu leben: Lange Arme, große Hände, kantiges Kinn, breites Kreuz, tiefe Stimme … Die wenigsten von uns sind ein Topmodel wie Giuliana Farfalla. Für viele bleibt das nur ein unerreichter Traum. Gerade wenn man sehr lange in der männlichen Rolle geprägt wurde, ist auch die Aussgangsituation etwas anders. Ein besonders typisch männliches Aussehen ist da keine Besonderheit. Dieses dann aber abzulegen, dauert seine Zeit, denn die Hormone sind kein Zaubermittel. Natürlich gibt es auch Frauen, auf die all diese Merkmale ebenfalls zutreffen. Aber für Trans*Frauen ist es schwerer damit zu leben, wenn man nicht mit einem weiblichen Körper geboren wurde und somit immer wieder an sein früheres Leben erinnert wird, das man ja so gut wie möglich zu verstecken versucht. Auch das in der Menge untertauchen ist bei manchen Körpergrößen (ich bin ja selbst 1,80m) kaum möglich. Viel einfacher haben es da die Trans*Mädels, die noch vor der Pubertät mit ihrer Hormontheraphie beginnen können, so dass die typisch männlichen Erscheinungsmerkmale gar nicht erst entstehen können. Da inzwischen die allgemeine Bevölkerung etwas aufgeklärter ist, ist es gerade heute für junge Trans*Frauen einfacher ihren Weg zu gehen, als zu der Zeit, als ich meine erste Schritte gemacht hatte. Auch gab es damals kaum etwas darüber zu lesen und wenn, dann war es eher dem Schmuddelmilieu zu zuordnen. Ein Grund, warum ich meine Webseite gestartet habe.

Wenn man nun dem Wunsch einiger Zuschauer folgen würde, jemand schon perfekt weiblichen in die Rolle der Sunny zu stecken, würde man nur ein falsches Bild vermitteln und die Figur müsste sich auch nicht mit all den Problemen arrangieren, die eine „normale“ Trans*Frau tagtäglich zu bewältigen hat. Und da gibt es einige …

„Bleib doch ein Mann!“

Wer so etwas sagt, hat nicht verstanden was in einem Trans*Menschen vor sich geht: Ein Mensch mit Transidentität entscheidet sich für den Weg nicht aus einer Laune heraus, sondern weil er nicht mehr anders leben kann um glücklich zu werden. Ein Trans*Mensch sieht vielleicht aus wie ein Mann, doch dies ist nur eine Hülle, die einen ganz anderen Kern umgibt, der nichts mit dem äußeren Erscheinungsbild zu tun hat. Also begibt er sich auf eine lange und schwierige Reise. Um er selbst zu werden. Es steht anderen einfach nicht zu zu entscheiden, was man oder wer man ist. Es ist auch nicht möglich dieses Gefühl einfach abzustellen und auch wenn es viele gibt, die es für Jahre unterdrücken, es wird sich trotzdem irgendwann seinen Weg an die Oberfläche bahnen und dann ist es vielleicht schon zu spät, den richtigen Pfad einzuschlagen. Nicht ohne Grund ist die Suizidrate unter Trans*Menschen erschreckend hoch. All die gewünschten Veränderungen kommen nicht von heute auf morgen und benötigen viel Zeit. Ein weiterer Stressfaktor für Trans*Menschen. Über viele Probleme und Gedanken habe ich ja schon zu genüge hier auf der Seite geschrieben.

Deswegen wäre es wichtig, so einen Menschen zu unterstützen, anstatt ihm zu versuchen all das auszureden, oder alles was er tut schlecht zu reden. Ich denke beide Parteien (Frauen und Trans*Frauen) können davon profitieren und viel von einander lernen. Und irgendwann kommt der Tag, an dem all das gar kein Thema mehr sein wird …

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